Gemeinde Neckargerach

Seitenbereiche

Volltextsuche

Rathaus Aktuell

Erlebte Heimat

Als Telefonnummern noch einstellig waren
Geschichten aus „Gerich“: Veranstaltung „Erlebte Heimat“ mit eindrucksvoller Foto-Chronik erinnerte an vergangene Zeiten
 
Von Hubert Waldenberger
 
Bis auf den letzten Platz besetzten die an der Ortsgeschichte Interessierten den großen Kommunikationsraum im Neckargeracher Feuerwehrgerätehaus. Organisiert wurde die Reihe „Erlebte Heimat“ von der Außenstelle der Mosbacher Volkshochschule unter der Regie von Marlene und Reinhard Makles. Mit ausführlichen Erläuterungen und gespickt mit Anekdoten führten Bürgermeister Norman Link, Altbürgermeister Peter Kirchesch und Gudrun Damms durch die Foto-Chronik. Von der Geschichte der oberhalb der Gemeinde thronenden Minneburg, auch Namensgeberin diverser örtlicher Bauwerke und Einrichtungen, führt der Weg der Zeitreise runter zum Wasser von Seebach und Neckar. Die Läufertsmühle, Hornungsmühle, Laubschersmühle sowie die Gipsmühle Fuchs, später ein Sägewerk, nutzten das Bachwasser als Energiespender für den Antrieb der Mahlwerke. Besonders der Fischfang, die Flößerei, vor allem aber die Schifffahrt prägten dereinst die Wirtschaftsstruktur der Neckartalgemeinde. Noch heute geben zwei Schiffervereine Zeugnis von dieser großen Berufsgruppe. „In den 1960er-Jahren fuhren mehr als 130 Schiffsleute auf den Binnengewässern“, weiß Peter Kirchesch. Den Älteren im Publikum entlockten die Fotos und Erzählungen vom Badeplatz am Neckar mit dem nicht ganz blickdichten Umkleidehäuschen ein Schmunzeln, den Jüngeren ein „Aha, so war das also“. Und alle staunten über die 1960 gezählten 13.000 Feriengäste in Neckargerach, die durch die schöne Landschaft wanderten und auch im Neckar badeten. Dass das Wasser jedoch auch zerstörende Gewalt entwickeln kann, erfuhren besonders die in „Unergerich“ Wohnenden schon häufig, wenn sich die trübe Hochwasserflut in Kellern und Erdgeschossen ausbreitete. Zu einem Foto, das den zugefrorenen Neckar zeigt, berichtete Augenzeuge Kirchesch von einer heute nicht mehr vorstellbaren Begebenheit: „Herr Dr. Golder fuhr mit seinem Auto der Marke DKW zur Patientenversorgung über das Neckareis nach Guttenbach.“ Ein reges Vereinsleben und das Feiern von Festen wirken in der Gemeinde schon jahrzehntelang gemeinschaftsfördernd. Ob Glockenweihe, Vereinsjubiläen oder Sommertagumzug, auf fast allen historischen Fotos sind weiß gekleidete Festdamen zu sehen. Ein ganz besonderes Fest wurde 1879 gefeiert, zur Fahnenweihe des Männergesangvereins zogen mehr als 600 Festgäste durch die Straßen. Knapp 100 Jahre nach dem Festtag des Gesangvereins kamen noch viel mehr Gäste in die Neckartalgemeinde. Vor 6200 Zuschauern gewann der 1931 gegründete SV Neckargerach gegen den VfR Mannheim und trug danach Aufstiegsspiele zur 2. Fußball-Bundesliga aus. Doch wurde in „Gerich“ in den 1930er-Jahren auch Damenhandball gespielt. Das belegt ein Foto aus der lückenlos geführten persönlichen Chronik der 97-jährigen Paula Kölsch, die Norman Link beim Informationsabend besonders begrüßte. Wann wurde in Neckargerach erstmals Kathreiner Malzkaffee verkauft? Gudrun Damms, geborene Bödigheimer, kann die Malzkaffee-Offerte anhand einer Werbetafel nachweisen: Im Jahr 1896. Ihr Vorfahre Carl Bödigheimer betrieb in der Hauptstraße ein Kolonialwarengeschäft. Malzkaffee stand ebenso im Angebot wie besondere Gewürze. Wenige Jahre später wurde vor dem Gebäude (heute Getränkemarkt) eine Zapfsäule für Pkw-Kraftstoff der Marke Stellin eingerichtet. „Obwohl seinerzeit in Neckargerach vermutlich noch niemand ein Auto hatte“, merkt Gudrun Damms schmunzelnd an. Telefone waren damals Raritäten und die Telefonnummern einstellig. Das Kolonialwarengeschäft hatte die Telefonnummer 1, die Hornungsmühle die Nummer 2 und das Gasthaus „Grüner Baum“ die Nummer 3. Früher sei nicht alles besser gewesen, aber anders, findet der von seinen Freunden „Schales“ genannte Karl Bär, der sich in vielen Jahren in verschiedenen Vereinen einbrachte. Ganz anders als heute lief sicherlich die Kinderbetreuung. Auf einem Gruppenbild steht Kindergartenschwester Theresia vorne links und auf der Treppe sind ungefähr 50 für das Foto herausgeputzte Kinder versammelt. Mit einem Augenzwinkern merkte Bürgermeister Link an, dieser Kindergarten-Personalschlüssel sei heute nicht mehr erlaubt. Viele Familien dieser Kindergartenkinder waren Leidtragende des 22. März 1945. An diesem Tag starben bei einem Fliegerangriff auf die Gemeinde 220 Menschen und 80 Prozent der Gebäude wurden zerstört. Bedrückende Bilder aus dieser Zeit sind ein schmerzlicher Bestandteil von „Erlebte Heimat“.

Blick in die Vergangenheit: Zahlreiche Bilder zeugten bei der Reihe
Blick in die Vergangenheit: Zahlreiche Bilder zeugten bei der Reihe "Erlebte Heimat" der VHS Mosbach von der Geschichte Neckargerachs. In den Nachkriegsjahren wurde der nahende Sommer mit einem Umzug durch das Dorf begrüßt. Die Kinder trugen mit Girlanden, einem ausgeblasenen Ei und Hefebrezeln geschmückte Stöcke. Foto: privat
Die Akteure des Abends v.l.n.r.: Ehrenbürger Peter Kirchesch, Gudrun Damms, Reinhard und Marlene Makles und Bürgermeister Norman Link.
Die Akteure des Abends v.l.n.r.: Ehrenbürger Peter Kirchesch, Gudrun Damms, Reinhard und Marlene Makles und Bürgermeister Norman Link.